Astrid Wagner: Aug in Aug mit dem Bösen

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Top-Rechtsanwältin Dr. Astrid Wagner bei der Präsentation ihres neuesten Buches “Aug in Aug mit dem Bösen”. Top-Rechtsanwältin Dr. Astrid Wagner bei der Präsentation ihres neuesten Buches “Aug in Aug mit dem Bösen”.

Es ist ihr Fünftes: Nach „Kannibalenzeit“, „Unfassbar“, „Verblendet“ und „Rosen & Kriege“ hat Astrid Wagner wieder ein Buch geschrieben: „Aug in Aug mit dem Bösen“ heißt es, und es geht darin um ihre härtesten Fälle. Mord, Totschlag, Verbrechen aus Leidenschaft... Das Süd-Ost-Journal hat Astrid Wagner zu ihren Beweggründen befragt.

SOJ: Frau Doktor Wagner, wie halten Sie das aus? Allein im Vorjahr haben Sie in drei Mordprozessen verteidigt.
Astrid Wagner: Jeder, der sagt, dass einen das kalt lässt, lügt sich selbst an. Natürlich gehen einen solche Verfahren nahe. Manchmal hadere ich mit mir selbst: Habe ich alles richtig gemacht? Schließlich geht es ums „Eingemachte“. Ob mein Mandant also „Lebenslang“ kriegt, oder in eine Anstalt eingewiesen wird. Bei jedem Mordprozess nehme ich ein paar Kilo ab... Aber ohne maximalen persönlichen Einsatz darf man solche Fälle nicht übernehmen.

SOJ: Und dann schreiben Sie auch noch solche Bücher...
Astrid Wagner: Genau deshalb. Es ist meine Art, mich mit dem auseinanderzusetzen. Es zu bewältigen, wenn Sie so wollen. Ich schreib es mir von der Seele.

SOJ: In dem Buch schildern Sie ganz unterschiedliche Fälle. Etwa jenen von einem liebenswürdigen jungen Mann, Typ„Wunsch-Schwiegersohn“, der einen furchtbaren, sinnlosen Mord begeht und dann in aller Ruhe tanzen geht. Oder von einem erfolgreichen Anwalt mit einer dunklen Seite. Oder von einem Mann, der jahrelang als nicht überführter Mörder geächtet wird – obwohl er unschuldig ist. Gibt es einen Fall, der Sie besonders berührt hat?
Astrid Wagner: Jeder einzelne Fall in diesem Buch hat mich berührt, jeder auf seine Weise. Am meisten aber vielleicht der jenes Mannes, der seine taubstummen Eltern jahrelang liebevoll gepflegt hat – bis er sie, vor ziemlich genau einem Jahr, mit unzähligen wuchtigen Schlägen mit einem Baseballschläger umgebracht hat. Es ist mir gelungen, dass Gericht davon zu überzeugen, dass es sich um Totschlag handelt. Der Mann kam mit sieben Jahren davon....

SOJ: Gibt es eigentlich Fälle, die so abscheulich sind, dass Sie sie ablehnen würden?
Astrid Wagner: Durchaus. Bei jedem Fall, den ich übernehme, muss ich einen Anknüpfungspunkt finden. Irgendetwas, das ich am Täter oder an seiner Tat nachvollziehen kann. Begreifen, was freilich nicht entschuldigen heißt! Die Grenzen sind für mich dort, wo es um Kinder oder Tiere geht. Menschen, die solch hilflosen Wesen etwas angetan haben, könnte ich nicht vertreten.

SOJ: Kann es sein, dass das Böse auf Sie eine eigenartige Anziehung ausübt? Stichwort Jack Unterweger, dessen Beziehung zu Ihnen Sie in Ihrem Buch „Verblendet“ aufgearbeitet haben?
Astrid Wagner: Ich wollte immer schon verstehen. Nicht verurteilen, denn ich bin keine Richterin. Die Menschen, die sich zu schweren Verbrechen hinreißen haben lassen, oft durch entfesselte Emotionen, sie vertrauen mir. Ich begegne Ihnen auf Augenhöhe. Versuche, ihre Gefühle und Gedanken zu erspüren. Nur indem ich diese Menschen verstehe, kann ich sie auch vor Gericht verteidigen. Ja, und vielleicht hat das alles auch mit mir selbst zu tun: Der Blick in den Abgrund des anderen ist auch ein Versuch, den Abgründen in einem selbst auf die Spur zu kommen. Jeder hat seine Abgründe. Und jeder könnte zum Mörder werden, davon bin ich überzeugt, um einer oft gestellten Frage zuvor zu kommen. Es kommt auf die Umstände an. Etwa auf die Kindheit, die einen Menschen zerstören kann.

SOJ: Danke für das Interview

Das Buch „Aug in Aug mit dem Bösen“ ist im Wiener „Seifert Verlag“ erschienen. Wie alle Bücher von Astrid Wagner liest es sich sehr flüssig. Die Fälle sind so spannend erzählt, dass es einem schwerfällt, es aus der Hand zu legen.

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