Süd Ost Journal

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Eine leichte Brise weht vom asiatischen Üsküdar über Bosporus und das Goldene Horn und streichelt angenehm das alte europäische Byzantion. Auf den wunderschönen Gartenterrassen des Topkapi-Palastes eröffnet sich ein Blick über Bosporus, das Goldene Horn und das offene Marmarameer mit einer Vielzahl von Schiffen und Fischkuttern. Man spürt von hier die Dynamik einer Metropole mit nahezu 16 Millionen Menschen. Bis zu den Gärten des Topkapi-Palastes reichen die verhallenden Geräuschfetzen, wie ein Orchester aus Straßenverkehr, Hupen, Schiffssirenen, Musik und den monotonen Gebetsformeln der Moscheen.
Dieses Wunderwerk einer Stadt an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien heißt Istanbul. Der Topkapi-Palast war einst die Schaltzentrale einer Osmanischen Welt, die sich über den Nahen Osten, Nordafrika und in Europa bis an die Tore Wiens erstreckte. „Kruzitürkn“ heißt es immer noch in heimischer Mundart, wenn einem Schlimmes widerfährt. In Anlehnung an die Türken und Kuruzzen, die so oft auch die Oststeiermark als Grenzgebiet des abendländischen Deutschen Reiches heimsuchten.
Zurück zum Topkapi-Palast in Istanbul. Nahezu 400 Jahre lang haben hier die Sultane auf einer Fläche von gut 70 Hektar ihr eigenes und persönliches Areal errichtet. So wurde im Laufe der Jahre der für die Ausbildung der Reichsverwaltung vorgesehene Sarayi zu einer gewaltigen Palaststadt. Jeder dieser Herrscher erweiterte nach seinen Vorstellungen die Palaststadt. Im 17. Jahrhundert, dem Höhepunkt des osmanischen Reiches, wirkten rund 40.000 Menschen in dieser Zentrale der osmanischen Welt.


Heute ist der Topkapi-Palast mit über 100.000 ausgestellten Objekten eines der weltweit größten Museen. Touristen strömen Tag für Tag über das Gelände. Man sucht vorrangig die Relikte der Grausamkeiten und der Begierden, die Hinrichtungsstätten und den Harem. Faszinierende orientalische Welten, fremd und märchenhaft.
Die wahre Geschichte war jedoch alles andere als ein Märchen: Hier, an den Plätzen des Topkapi-Palastes, wo wunderbare Blütendüfte die Besucher erfreuen, wurde der Grundstein für das heutige Istanbul gesetzt. Man schrieb das Jahr 330 nach Christus. Das griechische Reich war Geschichte und das Römische Weltreich zerbröckelte. In diesem Jahr verlegte der römische Kaiser Konstantin die Herrschaft des römischen Reiches nach Nova Roma oder auch Byzanz, wie diese Stadtfestung damals am Goldenen Horn genannt wurde. In dieser Zeit des Konstantin, nach dem die Stadt später für viele Jahre Konstantinopel benannt wurde, wurde ganz Kleinasien christianisiert. Im Jahr 391 nach Christus wurde in weiten Teilen der heutigen Türkei das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Byzanz fühlte sich als das Tor zur Christenheit. In der Irenenkirche (heute Hagia Eirene im Topkapi-Palast) tagte 381 nach Christus das Zweite Ökumenische Konzil.
Auch die heutige Moschee Hagia Sophia erhielt ihren Ursprung als Basilika durch Kaiser Konstantin in den Jahren 306 bis 337 nach Christus. Leider brannte sie im Laufe der Jahre mehrmals ab. In der Folge ließ Kaiser Justinian 532 nach Christus diese neu errichten.
Nahezu tausend Jahre später, im Jahr 1453, wurde die christliche Hagia Saphia zur islamischen Moschee umgewandelt. Doch in der Zeitspanne all dieser Jahrhunderte war Konstantinopel ein heißumkämpfter Boden. Mongolen, Seldschuken-Stämme aus Afghanistan, Kreuzritter, Araber und die Osmanen sorgten für blutige Erde an den Ufern von Mittelmeer und Schwarzem Meer, der die Meerenge Bosporus in Konstantinopel verbindet. Die Osmanen, die Vorgänger der heutigen Türken, waren es, die auf dem Boden des byzantinisch-römischen Reiches ihr osmanisches Weltreich anstrebten. Sie drangen bis Belgrad vor und vernichteten bei der legendären Schlacht auf dem Amselfeld das serbische Heer. Die christlichen Kriegsgefangenen wurden in das Corps der Janitscharen eingebunden. Die Janitscharen sollten in der Folge die blutrünstigste Stütze der Osmanen-Sultane im Kampf gegen das Abendland werden. Sultan Mehmet II. erstürmte 1453 Konstantinopel, das fortan Istanbul (istan-polis = die Stadt) hieß. Auf dem Areal des einstigen byzantinischen Kaiserpalastes wurde danach der Topkapi Sarayi (Palast des Kanonentors) errichtet.
Eine riesige Palaststadt sollte Topkapi werden. Allein im inneren Palast, in dem sämtliche Geräusche verboten waren, versammelten sich bei besonderen Anlässen bis zu 10.000 Personen: Soldaten, Staatsbedienstete und Bittsteller. Dort, in den Räumen der heutigen Porzellanausstellung, befand sich der Küchentrakt. An Fest- und Feiertagen kochten hier 1.200 Köche für über 15.000 Gäste. Durch das „Tor des Reiches“ gelangt der Besucher in den ersten Palasthof mit der Hagia Eirene, die in der Zeit der Sultane als Waffenarsenal diente. Dieses 1478 errichtete Tor gehörte zu einem fünf Kilometer langen Mauerring, der seit Sultan Süleyman auch die Residenz der Sultane absicherte. In den Nischen des Tores steckten zur Abschreckung die Köpfe zweier Hingerichteter.
Baldachin über dem Bagdad-Kiosk im Topkapi-Palast. Fußwaschung vor dem Betreten der Moschee.
Durch das „Tor der Begrüßung“ kommt man in den zweiten Hof und durch das „Tor des Todes“ in den Hof der Leibwache. Von hier aus geht es zum Harem (das Verbotene) und dem absolut privaten Bereich des Sultans mit 400 Räumen.
Darin befand sich die eigene Welt der Frauen, die von schwarzen Eunuchen bewacht wurden. Darunter die vier Hauptfrauen, die Sultansmutter sowie hunderte von Konkubinen und Favoritinnen des Sultans. Wer unter diesen Liebhaberinnen dem Sultan als erste einen Sohn gebar, konnte gar Hauptfrau werden und an den Intrigen rund um den Sultan mitwirken. Kein Mann, außer dem Sultan und den nicht mehr so männlichen Eunuchen, durfte die Welt des Harems gegen Todesstrafe erblicken. Auch die Musiker mußten mit verbundenen Augen bei diversen Anlässen im Harem spielen.
Besonders sehenswert im Topkapi-Palast, zusätzlich zu den höchst wertvollen Ausstellungsstücken des sogenannten Bagdad-Kiosk, sind der Beschneidungs-Pavillon, der Sultan-Ahmet-Brunnen und natürlich die Sultan-Ahmet-Moschee.
Weil eben die Moschee Hagia Sophia einstens eine christliche Kirche war, ließ Sultan Ahmet im Jahr 1606 eine neue Hauptmoschee errichten. Noch größer und schöner als der über tausend Jahre alte byzantinische Bau der Hagia Sophia. Nach siebenjähriger Bauzeit war die Sultan-Ahmet-Moschee (Blaue Moschee) als Glanzwerk der Architektur fertiggestellt.
Die Silhouette Istanbuls wird allerdings vom „Glanz und der Freude Istanbuls“, der Sultan-Süleyman-Moschee bestimmt. 1557 errichtet, ist diese Moschee der prachtvollste Bau und zugleich die größte aller osmanischen Anlagen.
Inzwischen bringt die Abendsonne den Topkapi-Palast und die Minarette der Moscheen zum Erglühen. Die Muezzine fordern zum Abendgebet auf: „Allah ist mächtig“ (Allahu akbar) spürt man über dem Himmel von Istanbul

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