Süd Ost Journal

Spätestens seit dem Hollywood- Schinken Troja hat sich die Welt der antiken Griechen ein wenig in die Kurzzeit-Gehirne der Gegenwart eingeprägt. Die alten griechischen Gottheiten Poseidon, Hera, Zeus oder Neptun haben zumindest im Breitband-Filmwerk nichts an Glanz verloren. Und Athen mit seiner Olympiade im Jahre 2004 zeigte zumindest die verklärte Mystik einer ehemaligen Welt der Antike auf. Der Antike der Griechen. Nicht nur beheimatet in der Inselwelt Griechenlands, sondern auch in Italien. Bis nach Neapel (griechisch Neapolis „Neue Stadt") und auch noch weiter nördlich an der Küste Italiens verschlug es einstens Griechenlands Söhne. Auf der Suche nach neuem Land, neuem Leben und neuen Visionen für die Zukunft.

Die vollfruchtigen Weine Kampaniens haben ihren Ursprung aus Griechenland. Damals lange vor Christus und unserer Zeitrechnung von den griechischen Bergen als Stecklinge mitgebracht. Seine Spuren hat das alte Griechenland in Italien vielfach hinterlassen. Insbesondere aber in Paestum. Vorrangig Geschichtsinteressierte treibt es heute auf die Stätte, wo einstens das antike Paestum gestanden war. Trotzdem, mächtig und einzigartig stehen sie noch da. Mächtige Säulen und die Reste der gigantischen Tempel für die alten Götter der Griechen. Der Weg nach Paestum führt von Neapel über Salerno in Richtung Reggio Calabria auf der geradlinigen A3. Über Battipaglia geht es dann auf der SS18 vorbei an Plantagen von Zitronen, Orangen und Artischocken.

Vor einigen Restaurants und Osterias braten zuweilen die frischen Artischocken auf dem Holzofen-Grill. Eine ungewöhnliche Zubereitung einer ungewöhnlichen Spezialität. Hier ist man in Süditalien in den unteren Breiten des „italienischen Stiefels". Die Hitze steht hier im Sommer geradezu in der Luft. Demnach wäre die beste Zeit für diese Zeitreise in die Antike die Jahreszeit rund um Ostern oder Pfingsten. Gut zehn Kilometer von den Fluten des Tyrrhenischen Meeres entfernt, entfaltet sich auf einer Ebene dieses sagenumwobene Paestum. Vor rund 2700 Jahren wurde die Tempelstadt direkt am Ufer des Meeres angelegt. Die Versandung der Bucht hat in all den Jahren Paestum ins Landesinnere „getragen". Inmitten nun von Wiesen, die im Frühjahr die gewaltige Steinlandschaft umsäumen. An den Tümpeln im Umfeld grasen die gewaltigen, schwarzen Wasserbüffelkühe. Die sogenannten „Produzenten" des wunderbaren Büffelmozarellas, der hier besonders sahnig schmeckt.

Über so viele Jahrhunderte vergessen, wurde Paestum quasi erst 1745 wiederum entdeckt. Noch im Mittelalter war die antike Stadt bewohnt. Doch Versumpfung, Überschwemmungen, Sarazenenüberfälle und Malariaepidemien hatten die Bevölkerung bis auf den letzten Bewohner praktisch ausgerottet. Die Natur holte sich alsdann Paestum zurück. Dornen und Gestrüpp und Wälder ummantelten die alten Bauten der einstigen bedeutenden Stadt, die 700 Jahre vor Christus als Poseidonia von den Griechen des Geschlechtes der Sybariten gegründet wurde. Eine damals blühende Stadt mit tausenden Bewohnern. Umgeben von einer mächtigen Wehrmauer, präsentieren sich in gewaltiger Form die Reste dreier großer Tempel. Das älteste Heiligtum wurde der Zeus-Gattin Hera geweiht.

Daneben der gewaltige „Tempo di Nettuno", der nach neuesten Erkenntnissen nicht dem Meeresgott Poseidon sondern der Hera Argiva gewidmet wurde. Gleich 36 monströse, neun Meter hohe Säulen tragen noch immer den vollständig erhaltenen Frontgiebel des Tempels. Der dritte Tempel war der Athene geweiht. Im vierten Jahrhundert vor Christus fiel dann die gesamte Stadt in die Hände der Lucaner. Besonders attraktive Relikte aus dieser Zeit sind die farbenprächtigen Grabmalereien. Wie etwa das weltberühmte Bild des Tauchers aus dem Jahre 480 vor Christus. Jenes Bildnis dem Wasser elegant zuspringenden Jünglings, das wohl das symbolische Eintauchen des Verstorbenen in eine andere Welt darstellen soll. Ein künstlerisch hochwertiges Bildnis und Meisterwerk, das erst im Jahre 1968 entdeckt werden konnte. Diese Grabplatten tragen wohl die einzig erhaltenen Grabmalereien der griechischen Klassik. Die Römer waren es dann, die 273 vor Christus die Stadt übernahmen und ihr den Namen Paestum gaben. In dieser Römerzeit wurde die Stadt zu einem wirtschaftlichen und strategischen Zentrum. Auch die Tempel der alten Griechen wurden den Gottheiten der Römer geweiht. Demnach erhielt der ehemalige Hera-Tempel der Juno geweiht, zudem ein neues Dach. Im Jahre 1931 wurde das ehemalige römische Forum, der einstige Versammlungsort der Händler und Marktbauern, freigelegt.

Das Anfiteatro aus dem 1. Jahrhundert nach Christus war das blutige Zentrum all der Gladiorenkämpfe und Tötungen zur Unterhaltung der „Bürger Roms". In den mittelalterlichen Folgejahren diente ein Teil dieser Mauer als Fassadenfront eines Häuschens, das heute wieder bewohnt ist. Mit dem Untergang Roms verloren auch die Tempel ihre Anbetungskraft. Die Steine und Steinblöcke, die man von den Kultstätten reißen konnte, die wurden für den Bau der steinernen Häuser verwendet. Die mächtigen dorischen Säulen der alten Griechen konnten jedoch all den Zerstörungen widerstehen. Heute werden die antiken Kunstschätze in einem Museum präsentiert. Vieles in Paestum ging in all den Jahrhunderten verloren. Wurde zerstört oder geraubt. Doch vieles ist mit Sicherheit noch unter der Erde verborgen. Zugebettet vom Humus und Sand aus vielen Jahrhunderten. Paestum ist eine wunderbare Reise zurück in die Geschichte der Griechen und der Römer. Und es erzählt in jedem erhaltenen Stein das ewige Leid der Menschheit, ihre eigene Vergänglichkeit nicht zu erfassen. Nicht jene Herrscher und Patrizier hat die Geschichte erfasst. Dafür jenen unbekannten Grabmaler nahezu 500 Jahre vor Christus, der so unendlich schön dieses Bild vom Taucher auf den Stein malte. Das sollten sich auch die Menschen der Gegenwart doch überlegen. Und so ist die Reise nach Paestum nicht nur eine Wanderung in die Geschichte, sondern in die Mystik der Seele der Menschheit. Paestum kann vor 2700 Jahren nicht umsonst erbaut worden sein. Bei Zeus!