Süd Ost Journal

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Den leblosen Mantel der stalinistischen Architektur aus den Sowjetzeiten haben nur Industriezone und Neustadt noch nicht abschütteln können. Ansonsten bietet sich die Altstadt von Tallinn wie eine Märchenwelt mittelalterlicher Sagengeschichten an. Tallinn zählt mit seiner gepflegten und intensiv historischen Atmosphäre wohl zu den schönsten Städten dieser Welt. Fernab von Mitteleuropa im nordöstlichsten Teil der Baltischen See. Faszinierend nah an Finnland und Helsinki. Die Esten, sprachlich verwandt mit den Finnen und auch Türken, haben als neue EU-Bürger das „Sowjetische" voll weggesteckt. Weitaus besser als manche Ostdeutsche, die noch gerne im „Links-Links-Drall" der DDR leben würden.

Die Esten pflegen eine traditionelle Beziehung zu Skandinavien. Speziell aber zu den „Sprachbrüdern" in Finnland, die sich wiederum traditionell mit dem wesentlich billigeren Alkohol in Estland eindecken. In den sowjetischen Jahren war hier alles russisch. Die estnische Sprache und Kultur wurde brutal unterdrückt. Jetzt ist wieder alles anders. Denn die gut 150.000 russischen Bewohner Estlands aus der Sowjetzeit stehen nun wie Fremde im eigenen Staat da. Sie haben wohl einen Paß, aber einen grauen und nicht den blauen. Der graue Paß weist den Besitzer als staatenlosen „Nichtbürger" aus.

An die Sowjetzeiten wollen sich die Esten keineswegs mehr erinnern. Als bleibende Erinnerungen an die Sowjets gibt es die scheußlichen Plattenbauten und unsägliche Umweltschäden aus der Produktion von Uran, dem Abbau von Ölschiefer und der Fertigung von Chemikalien. Davon spürt man in der alten Innenstadt von Tallinn nichts. Wunderschöne alte Fassaden, schöne Geschäfte mit Mode, Schmuck, Bernstein, Marzipan prägen Tallin. Dazu hervorragende Restaurants und Bierhäuser mit herrlichen selbstgebrauten Bierspezialitäten. Eine Stadt zum Bummeln und Erholen, zum Geschichte entdecken und Kulinarisches erforschen.

Die historische Geburt Tallins begann Anfang des 13. Jahrhunderts. Damals eroberten die Dänen die hier vorhandene estnische Siedlung. Auf dem heutigen Domberg der Oberstadt ließ der Dänenkönig Waldemar II. 1219 eine Festung errichten. Die Stadt wurde Revele genannt. Heute tagen im Schloß die estnische Regierung und das Parlament. In unmittelbarer Nachbarschaft präsentiert sich die Alexander- Newskij-Kathedrale als Prunkbau des späteren Zarenregimes. Beherrschend am Domplatz die Domkirche St. Marien als gotische Basilika. Im Jahre 1227 eroberten dann die deutschen Schwertbrüder die Stadt und nannten diese Reval. Dänische und schwedische Siedler und deutsche Kaufleute errichteten eine Handels- und Hafenstadt. Die Händler und Siedler bauten ihre „Unterstadt", genau 50 Höhen-Meter unter dem Domberg. Adel und Geistliche residierten in der Oberstadt. Handwerker und Kaufleute taten alles, daß Reval in den Handelsverbund der Hanse gelangte. Auch erlangte die Unterstadt ein eigenes Stadtrecht mit Zollfreiheit, Münzrecht und Gerichtshoheit. Zwischen der Ober- und der Unterstadt gab es so manche Zwistigkeit. Die noch heute erhaltene Mauer und die Tore zwischen Adel und Kirche in der Oberstadt und den Kaufleuten und Handwerkern in der Unterstadt lassen auf tiefe historische Feindschaften schließen.

Der Spaziergang durch die sogenannte Unterstadt erfüllt alle Vorstellungen mittelalterlicher Baukunst. Spätgotische Bürgerhäuser am Rathausplatz. Das Rathaus selbst herrlich spätgotisch, hat seit 1530 seinen „Alten Thomas" auf der Turmspitze. Um immer zu wissen, woher der Wind weht. Gleich daneben die Ratsapotheke, die 1422 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Somit die älteste noch betriebene Apotheke Europas. Ein Wunder, daß diese Bauwerke die friedlosen Jahrhunderte überstehen konnten. Im Jahre 1558 hatte der russische Zar Iwan IV eine ungeheure Lust, Reval zu erobern. Das Ansinnen mißlang trotz der 37-wöchigen russischen Belagerung. Allerdings mußte sich die Stadt im Livländischen Krieg 1561 den Schweden unterwerfen. Doch Zar Peter der Große machte dann Tallinn im Jahre 1710 dennoch russisch.

In dieser Epoche errichteten die Russen unter ihrem „Peter" außerhalb der Altstadt sehr interessante Barockbauten. Auch das Schloß in Kadriorg für Zar Peters Ehefrau Katharina wurde in dieser Zeit errichtet. Die Bahnverbindung zwischen Tallinn und St. Petersburg folgte 1870. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Estland unabhängige Republik. Bis 1940 sowjetische Truppen das Land besetzten. Mit dieser Sowjet- Zeit räumen die Esten im Schnellzugverfahren auf. Gemütlichkeit, Freundlichkeit und absolute Sauberkeit prägen die Restaurants und Lokale in Tallinn. Weil Reisen bekanntlich durstig macht, besuchten wir das „Beer House" in der alten Unterstadt in Dunkri 5, info@beerhouse. ee. Höchst empfehlenswert! So viele wunderbar gebraute Biersorten, sodaß man wohl mehrere Nächte bräuchte, um hier für den „gesegneten Schlummertrunk" sich durchzukosten. Stolz verweist man hier auf die besten Rohstoffe, eben Malz aus Österreich und Hopfen aus Deutschland. Zum Bier dann Wildschinken in bester Qualität und Tallinn bleibt schon in Sachen Kulinarik in langer angenehmer Erinnerung.

Entlang dem östlichsten Bereich des „Finnischen Meerbusen" fährt unser Bus am nächsten Tag in Richtung Russland und St. Petersburg. Entlang der Straße „ausgedünnte" Dörfer und zahlreiche aufgelassene Kolchosen. Kleine bunte Holzhäuser in Grün, Rot oder Blau irgendwann wieder einmal. Dazwischen Wälder, zahlreiche Birken und auch baumlose Tundra-Landschaft. Nach Stunden und 210 Kilometer Fahrt ist Narva, die Grenzstadt zu Russland, erreicht. Narva mit der Festung Hermannsfeste als einstige Ordensburg ist EU-Außengrenze. Dazwischen der Grenzfluß Narva und nahezu feindlich-trutzig gegenüber am russischen Ufer die Festung Ivangorod. Hier verabschiedet sich auch unsere reizende Reiseleiterin Tereza Kisele. Und ein neues Abenteuer sollte beginnen.

Info und Buchung:

Steirisches Raiffeisen-Reisebüro,

Frau Anneliese Matschinegg,

Tel. 03332/66440.

Freigegeben in Estland
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Narva, die äußerste Grenzstadt Estlands ist auch EU-Außengrenze. Genau 210 Kilometer von Tallinn entfernt. Benannt nach dem schwarzem Fluß, der zugleich die Grenze zwischen Estland und Russland darstellt. Direkt am estnischen Ufer die mächtige Burg „Hermannsfeste". Am russischen Ufer Vis a Vis die furchterregende Festung Ivangorod. Einstige Kriegsburgen aus den Zeiten der schwedischrussischen Kriege und den zahlreichen Schlachten hier an der Narva. Einstens sollen Narva und Ivangorod gar schöne Barockstädte gewesen sein. Doch in den letzten gewaltigen Kämpfen hier im Jahre 1944 wurden alle Bauten nahezu vernichtet. Die Festungen selbst wurden renoviert. Ansonsten nur stalinistisch geprägte Plattenbauten in Narva und Ivangorod. Nahezu 100 Prozent der Bewohner im estnischen Narva sind ohnehin Russen.

Um heute allerdings über die Narva-Brücke von Estland nach Ivangorod und somit nach Russland zu gelangen, benötigt man ein superteures Visum, viel Zeit und sehr, sehr gute Nerven. Alle „heiligen Zeiten" verschlägt es ein Auto an diese Grenze. Für alle lautet dasselbe Motto, nämlich Warten. Ein stundenlanges Warten auf Irgendwen und Irgendwas. Wie ein „Schießhund" stürzt sich die Grenzpolizistin in unseren Reisebus. „No Foto!" plärrt sie mir ins Gesicht, nur weil meine Hände auf der Kamera ruhen. Nach der Paßund Visumkontrolle im Bus vergeht einmal jede Menge Zeit. Dann der Aufruf auszusteigen und zu warten. Dann wiederum die Prozedur der Paß- und Visumkontrolle im Zollhaus. Kein Lachen, kein Wort mehr! Dafür ohne Schuhe, auf Socken und Strümpfen steht die Reisegruppe in einer geordneten Warteschlange. Irgendwann darf der Bus dann doch fahren. Einige Gittertore werden geöffnet. „Mütterlein Russland" Dobryi Djen (Guten Tag) darf besucht werden!

Auf der Anhöhe über der Grenzund Sperrzone wartet schon länger unsere neue Reiseleiterin Natalia Vasilieva. Sehr monumental-russisch. „Dobraje utro" (Guten Morgen) sollten wir nach Natalias Anweisung wenig später schon wie im Schlaf dahinstammeln können. Reiseziel ist St. Petersburg. Die Land schaft selbst wie im Baltikum. Holzhäuser, kleine Dörfer, stillgelegte Kolchosen, Birkenhaine. Für das nachmittägige Mittagessen dirigiert Natalia den Bus in eine Kleinstadt. Beim Busbahnhof gibt es einige kleine Buden. Kekse, Cola und in einer Pfanne frisch herausgebackene Krapfen aus Hefeteig. Farblos, grau und mit der Patina von Jahrzehnten versehen, die alten Fassaden und der Busbahnhof sowieso. Über den zerbröckelten Gehsteig „stöckelt" eine sehr fesche und sehr blonde Russin dahin. Grazil steigt sie in einen der dreckigen Busse ein. Gegenüber auf der anderen Straßenfront ein kleines Lebensmittelgeschäft. Hinter den Glasvitrinen Wurst, Schinken, Käse in verschiedensten Sorten. Erstaunlich appetitlich und auch sauber. Hier hat das neue Russland die einstigen großen Qualitätsmißstände der ehemaligen Sowjetunion überholen können.

Nach Stunden nähert sich der Bus St. Petersburg. Natalia spricht vom „Großen Vaterländischen Krieg", dem II. Weltkrieg. Die Deutsche Wehrmacht war bis zu den südlichen Anhöhen vor St. Petersburg gekommen. Am 8. September 1941 begann die deutsche Blockade der Millionenstadt. Die Belagerung der Stadt dauerte bis zum 27. Jänner 1944. Mit Beginn der sowjetischen Gegenoffensive. In den St. Petersburger Kriegsjahren traf es vorrangig die Zivilbevölkerung. Über 3000 Menschen starben allein täglich im furchtbaren „Hungerwinter" 1941/ 1942. Breite Einfahrtstraßen führen in die zweitgrößte Metropole Russlands. St. Petersburg im Glanz des abendlichen Lichtes. Eine neue Welt Russlands, die mit dem schmutzigen Grautönen in den Provinzdörfern wahrlich nichts am Hut hat. Eine Stadt, die den Prunk des Zarenreiches in allen Varianten aufzeigt. Eine Stadt auf 42 Inseln gebaut, als große bauliche Idee Zar Peter des Großen.

Hauptstadt Russlands von 1712 bis 1717 und von 1723 bis 1918. Mit all seinen Palästen und Kirchen eine bauliche geschichtliche Wunderwelt. In dieser Formation von Geschichte, Faszination und Lebensbildern einzigartig auf dieser Welt. Bei unserer „Russenmutter" Natalia im Bus bricht der Stolz für das Vaterland und „Mütterlein" Russland durch. Emsig werden alle Fassaden und Stadthäuser renoviert. Noch abends stehen und hängen die Maurer in den Gerüsten. Geradezu kriminelle Sicherheitsbestimmungen insgesamt. Sicherheiten gibt es im heutigen Russland nur mehr für die Reichen. Diese sind reicher als reich! Die stille Armut fließt dahin. Dort und da findet man händeringende Bettler in der herbstlichen Kälte. Ruhig, still und irgendwie abgeklärt. Daneben die teuersten Geschäftspaläste und Luxusautos, die in Österreich oder Deutschland nirgendwo in dieser Konzentration auffahren.

Unser Weg führt in das mittlerweile ersehnte und gebuchte Hotel auf der sogenannten Wassilij-Insel unweit des Finnischen Meerbusens. Das Hotel betitelt sich „Pribaltiyskaya". Ein grauer Betonmoloch aus der aktivsten Sowjetzeit mit insgesamt 1200 Zimmern. Ein Gigant an Größe und Unübersehbarkeit. Diese architektonische Scheußlichkeit ist das größte Hotel St. Petersburgs. Ich würde das Astoria oder das Grand Hotel Europe gerne weiter empfehlen. Doch die Realität heißt „Pribaltsykaya", zugehörig der park inn - Hotelkette. Im obersten der 16 Stockwerke gibt es das kulinarische Reich für Gruppenreisende. Darin ein exorbitant schlechtes Frühstück und ein noch schlechteres Abendessen. Über eine Treppe unweit der „Bahnhofs-Bar" hat die „Kaste der Business-Gäste" ihr spezielles Frühstücksreich. Dort spielt sich die Verpflegung schon um etliche Stockwerke besser ab. Doch beim Eingang dort wartet wieder ein weiblicher „Schießhund", wie schon von der Grenze in Ivangorod sehr frisch in Erinnerung. Diese Menschen sind auf Angst, Schweiß und Adrenalinströme der anderen Menschen fixiert. Ihr Leben besteht einzig allein darin, Gruppengäste mit „Stoj" (Halt) vor einen recht ordentlichen Frühstück zu verscheuchen. Dagegen helfen nur klare, mutige Blicke, Wendigkeit und ein „Dobraje utro". Das Frühstück hier läßt den grauenhaften Kasten „Pribaltiyskaya" ein wenig vergessen.

Info und Buchung:

Steirisches Raiffeisen-Reisebüro,

Frau Anneliese Matschinegg,

Tel. 03332/66440.

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