Süd Ost Journal

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China ist ein Land der Superlative. Größer als ganz Europa von Griechenland bis zum Baltikum, mit unglaublich mehr Menschen als in irgendeinem anderen Land. Allein in der Hauptstadt Beijing (Peking) leben doppelt so viele Menschen wie in ganz Österreich. Zum Gegensatz sind die unendlichen Weiten des Westens Chinas entlang der Mongolei bis zu Tadschikistan und vor allem die riesige Wüste Gobi bis auf einige Zentren fast menschenleer. Auch im riesigen Tibet leben nur wenige Millionen Einwohner.

Mein Wunsch durch China zu reisen ist so alt wie meine Faszination für Ostasien. Auf Grund der politischen Isolation für Ausländer, sowie der Schwierigkeit allein zu reisen, blieben meine Ausflüge auf das Durchqueren mit der Eisenbahn des westlich orientierten Thailand, einer Kurzreise nach Hongkong (zu britischer Zeit) und kurze Abstecher in benachbarte Länder Chinas beschränkt. Fast unmöglich allein zu reisen deshalb, weil so gut wie niemand Englisch spricht und es natürlich aussichtslos ist auch nur einige Wörter lesen zu wollen. So bliebe bestenfalls die Möglichkeit einer westlich organisierten Gruppenreise von Tempel zu Tempel jedoch ohne Aussicht China mit seinen Menschen, deren Lebensgewohnheiten oder dem traditionellen Essen in irgend einer Form näher zu kommen.

Der Zufall und ein politisches Forum im Internet führten mich vor mehreren Monaten mit Mag. Shi- Hong Zhang, Personalleiterin im Department für Entwicklung und Wirtschaft sowie auch dessen Gewerkschaftsvorsitzende, zusammen.

Im Vorjahr bereisten wir erstmals gemeinsam die südliche Provinz Guangdong, von Guangzhou (Kanton) bis Guijlin. Die Unterschiede zwischen Großstadt, vor allem den ausgewiesenen Sonderwirtschaftszonen, wie Kanton oder Hongkong und einfachen Dörfern am Land sind für europäische Vorstellungen unfassbar. Hier bewegt man sich zwischen zwölfspurigen und dreistöckigen Stadtautobahnen, vorbei an Fenstern von hundertstöckigen Wolkenkratzern. Einige hundert Kilometer entfernt durchquert man entlegene Dörfer in Lehmziegelbauweise und ohne Asphaltstraßen gemächlich mit dem Fahrrad und fühlt sich gleich um viele Jahrzehnte zurückversetzt.

China, das ist „Hightech" des 21. Jahrhunderts und riesiges Völkerkundmuseum in einem. Zwei Tage bei den Minderheiten des „Yao", Volkes - hoch im Gebirge lebt dieses Volk an Resiterrassenfeldern, welche über endlose Berge in die Höhe schlängeln. Ihre Holzbauten und deren spärliche Einrichtung sind mit denen im Freilichtmuseum Stübing gut zu vergleichen. Die diesjährige Chinadurchquerung startete ich von Hongkong aus.

Ein Pflichtbesuch am legendären Peak mit Aussicht auf die Hafenbucht Viktoria, die rote Standseilbahn ähnelt vielleicht der alten Schlossbergbahn und die Doppeldecker Tramways erinnern an vergangene Tage britischer Kolonialzeit. Das verblüffende ist, das Hong Kong unverändert für Chinesen Ausland geblieben ist. Mit strengen Grenzund Passkontrollen zwischen den ehem. New- Terretories und dem alten China. Europäer reisen nach Hongkong ohne und Chinesen nur mit Visum. Ein Land (mindestens) zwei Systeme!

Ein ähnliches Bild bietet die Megastadt Guangzhou (Kanton) nur drei Stunden von Hongkong entfernt. Wolkenkratzer, Smog, Verkehr und ein buntes, geschäftiges Treiben in den verbliebenen Teilen älterer Stadtviertel. Die Eisenbahn überrascht schon am Bahnhof. Fünfundzwanzig Schalter, davor jeweils ungefähr fünfzig bis sechzig Menschen pro Schalter. Zur Hauptreisezeit, rund um Chinesisch Neujahr also von Mitte Jänner bis um den 10. Februar sind Zugkarten überhaupt Mangelware.

Die Züge selbst sind durchaus unserem Standard entsprechend und das Schienennetz ist hervorragend ausgebaut. China transportiert viel auf der Schiene. Millionen von Fahrgästen und Gütern aller Art. Das bei uns niedergewirtschaftete Bahnexpress floriert in China und die Gepäckwagen der Reisezüge bewältigen es beinahe nicht. Die Auslastung ist perfekt und für Eisenbahnfreunde ein Augenschmaus.

Die erste Etappe brachte uns über den gelben Fluß bis Zhengzhou in Zentralchina. Hier wiederum tiefste Provinz, die Bevölkerung schart sich um uns und wir werden bestaunt wie Außerirdische. Auch in den Zügen und Hotels kein einziger westlicher Fahrgast! Wir besuchen die eindrucksvollen Longmen – Grotten. Bildnisse vergangener Jahrhunderte, von 100.000 in den harten Fels geschlagenen Buddhafiguren. Das Geistesleben zu dieser Zeit stand offenbar noch auf anderen Ebenen um solches zu Schaffen. Generationen bauten an diesen Werken, tausende Figuren wurden wüst herausgeschlagen und zu Zeiten der Kolonialkriege in westliche Länder verschleppt. Ein Besuch im berühmten Shaolin Kloster bei Luoyang, dem Ursprung des „Kung – Fu" enttäuschte eher. Dutzende Sportschulen rundum übersäen die Landschaft mit Burschen jeden Alters in blauen Trainingsanzügen - und mit „Hu - Ha!" ... Kungfu- Sprüngen. Wenige Mönche sind noch verlieben, übrig blieb eine Touristenattraktion.

Erfreulich ist die alte Stadt Kaifang, da sich wenig Industrie hier befindet, hat sich die Stadt als eine der wenigen der kommunistischen Einheitsbauweise entzogen und sich ihren altertümlichen Stadtkern mit engen übervölkerten Gassen und Märkten bewahrt. Nach mehreren Aufenthalten erreichen wir um zwei Uhr nachts und im eisigen Taxi nach vierstündiger Fahrt Beijing. Die Pracht der Kaiserpaläste, der unzähligen Tempelanlagen und Stadttürme entschädigt für viele langweilige Plätze in der Mitte Chinas.

Als Freund alter Bauweisen waren die alten, niedrigen Hutong Viertel rund um die verbotene Stadt interessant und Ur- Chinesisch. Ein Ausflug zur großen (renovierten) Mauer, nördlich der Hauptstadt versetzt einen zurück ins Touristenzeitalter. Lohnender gewesen wäre eine weitere Fahrt zu nicht erneuerten und weniger besuchten Abschnitten. Einen letzten atemberaubende Eindruck bildete eine nächtliche Fahrt auf dem endlosen und breiten Tinjmaen Square, Pekings Prachtstraße. Vorbei am beleuchteten Kaiserpalast, dem Mao-Mausoleum, Regierungsgebäuden und Wolkenkratzern in Festbeleuchtung. Man fühlt sich als Gast in der Hauptstadt des bevölkerungsreichsten Landes der Welt...

Freigegeben in China
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